SANSIBAR
Kulisse für Märchen aus Tausend und einer Nacht
Bougainvilleas
in allen Farben türmen sich zu blühenden Wällen, Frangipani duften
betäubend mit Pfeffersträuchern im Duett, Jasmin mischt sich ein,
Ananasfrüchte, Guaven und Mangos. Und im Sinne betäubenden Rausch
entstehen die Konturen der Insel: pastellene schlanke Mauern, kunstvoll
geschnitzte Balkone entlang schmaler Gassen, Lachen und Stimmengewirr
hinter hohen hölzernen Türen, reich mit Messing verziert.
Raven Keye: Africa Live 1958
“Sansibar” - die Magie des Namens allein ist ungebrochen, vermittelt sich dem Besucher über alle Sinne. Als Duft, wie aus einem offenen Topf Gewürznelken, der einem Korb reifer tropischer Früchte zu entströmen scheint. Als Geräuschkulisse hinter den Mauern Stone Towns, wo sich swahelisches Leben wie vor einem Jahrtausend abspielt und im Bild der alten Stadt, das aus schmalen Gassen besteht, aus Erkern und Balkonen im Schatten hoher Hauswände und das sich durch verschleierte Frauen und Männer in schneeweißen Kanzus mitteilt. So, als wäre die Moderne des 21. Jahrhunderts noch weit entfernt.
Zwischen ihren hölzernen Rumpfen und den wenigen stählernen Ozeanriesen an Dock trägt der anlandige Wind die Dhows der Fischer heran, als Silhouetten auf der gleißenden Wasseroberfläche.
Die Neustadt Sansibars Michenzani, ein verstaubtes Häuser-Konglomarat, das die ehemalige DDR als Spendennation nicht leugnen kann, mag man seiner Plattenbau-Hässlichkeit wegen getrost außer acht lassen und sich der Ng´ambo, “der anderen Seite” zu wenden.
Noch liegen die Forodhani Gärten von Stone Town und direkt am Ufer gelegen, wie verwaist. Erst gegen Abend wird sich der Park mit quirliger Betriebsamkeit füllen, wenn Straßenköche ihre mobilen Kleinküchen aufbauen und Leckereien wie gefüllte Kartoffelbällchen, Samozas, Chapatis, Bananen, Tintenfischringe, Krabben, Gemüsen und Fleischspieße auf Holzkohle und in Öl brutzeln. Kinder springen dann vom höchsten Felsen ins Wasser, versuchen sich dabei in mutigen Posen, um die Aufmerksamkeit der Touristen zu erlangen.
Gegenüber erhebt sich Beit al Ajaib, das Haus der Wunder, Geheimnis umwoben bis heute. Elegant im Baustil mit klaren Linien aus Säulen, überdachten breiten Terrassen und dem überragenden Turm. Daneben erstreckt sich der dreistöckige alte Palast. Beit al Sahel war einst die Residenz der Sultane und ihrer Frauen und ist noch immer, als Museum, vom Flair und Stil der königlich selbstbewussten, unermesslich reichen Dynastie erfüllt.
Das alte Fort nimmt mit seinen massiven Backsteinmauern einen großen Teil der Ansicht ein, verläuft aber dort, wo die Straße einen Umweg machen muss, um nicht im Meer zu verschwinden, im Bild ineinander verschachtelter Häuser. Ihre schmalen Fronten, auf drei Etagen mit Erkern und Balkonen besetzt und von vielen kleinen Fenstern unterbrochen, sind in gelben, roten, blauen und türkisen Pastellfarben gestrichen.
Die Farben gelten als Makulatur, da traditionell nur weißer Anstrich in Frage kam. Doch Bauliches scheint auf Sansibar nie lange Bestand gehabt zu haben, löst sich in Pilzbefall, von Rost zerfressen oder wie von Sandstrahlgebläsen entfernt auf. Luftfeuchtigkeit, ewiger Wind und Sonne, so wie die salzige Gischt von See erzeugen ein Klima, das den Touristen nur die Dauerwellenfrisuren ruiniert, aber Gemauertes, Bemaltes, Hölzernes und Schmiedeeisernes im Eiltempo zerstört.
Dieser Kraft der Elemente wäre die Altstadt der Insel Sansibar bis Anfang der 1980er Jahre beinah zum Opfer gefallen. Bis die UNESCO Stone Town zum Weltkulturerbe deklarierte und eine akribische Instandsetzung der arabisch-indischen Siedlung ihren Anfang nahm. Diese wurde erst um 2000 abgeschlossen und obwohl seither die Abwasserversorgung wieder unterirdisch funktioniert, während das Nutzwasser sich durch die dafür bestimmten Leitungen direkt in die Häuser bewegt, Strom und sogar Telefon meist funktionieren, nagt an der vor einem Jahr noch weißen Fassade des High Courts, an den Zinnen und entlang der filigranen Stuckverzierung erneut der Zahn des bedingungslosen Klimas. Und die hölzernen Geländer der Balkone rieseln Splitter für Splitter wieder auf die Straße.
Sansibar die Insel, Sansibar die Stadt gleicht einer alternden Diva, deren Hermelin besetzte Samtroben oft instand gesetzt, doch fadenscheinig und zerfranst sind. Deren Juwelen, obwohl verführerisch glitzernd, altmodisch sind. Einer Grande Dame, die viel zu viel Puder benutzt und dennoch die Falten nicht kaschieren kann - der aber stets Scharen Ist der Charme des Morbiden für die Magie der Insel verantwortlich? Oder spiegelt sich die Faszination in dem Bild der beiden Nachbarinnen vis á vis auf ihren Balkonen wieder, hoch über einer schmalen Gasse mitten in Stone Town? Ihre Männer sitzen schon wieder in Gesellschaft anderer auf der Dachterrasse des Africa Hotels, trinken chai, rauchen Wasserpfeife und palavern, wie jeden Tag. Die Frauen hingegen haben, wie jeden Tag, ihre Wäsche nach oben geholt und während sie Verschmutztes mit der Wurzelbürste schrubben, hört man nur ihre Stimmen.
Sie selber sind nicht zu sehen, da Frauen im Haus keinen Schleier tragen, sich konsequenterweise nur im Schutz fein geschnitzter Sichtblenden an Erkern und Balkonen aufhalten dürfen. Derartige Reglementierungen, im Sinne streng islamischer Traditionen, gehören zum Bild Sansibars. Mit dem Unterschied zu anderen muslimischen Lebensstilen nur, dass der Islam das Leben der Sansibari nie völlig verändern konnte. Viel zu animistisch ist der Urglauben der ersten Siedler auf Sansibar, der Bantu. Viel zu selbstbewusst sind die Swaheli, als dass sie ihre ausgeprägt sinnliche Lebenslust ablegen könnten.
Wer also glaubt, dass diese Frauen sich über Kochrezepte und Kinderkriegen unterhalten, irrt. Das Gegenteil ist der Fall, man wägt die Nebenwirkungen der Pille gegen jene anderer Verhütungsmittel ab, macht Witze über das Verhalten der Ehemänner, ärgert sich, dass alle neuen Lippenstifte aus Muhamads Chemistry zu schnell eintrocknen und lacht über die Touristen, die in Shorts und ärmellosen Oberteilen daherkommen. “Wobei die doch alle so weiß sind!” Bald flattert die Wäsche von Balkon zu Balkon, frisch gepresste Säfte werden hinübergereicht und die Töchter mit mahnender Stimme an das Einkaufen erinnert.
Die Magie Sansibars muss der Essenz dieser Szenen entstammen und tatsächlich bleibt die Insel kein Yota aller Erwartungen daran schuldig.
*Sansibar heißt gar nicht so, nur der Archipel trägt diesen Namen, während die Insel Unguja heisst. Doch wer weiss das schon? Wer will Sansibar Unguja nennen? “Insel Sansibar” mag als Kompromiss herhalten.
Ein Rundgang bedarf keines Führers:
Stone Town selbst ist die größte Sehenswürdigkeit der Insel. Einfach in den engen Gassen verschwinden und sich treiben lassen. Sich die architektonischen Details der Häuser genau anschauen, den Kopf in den Nacken legen, um die Schwindel erregenden Fassaden zu studieren, die überkragenden Erker, die von Glas und Schnitzereien verschlossenen Balkone der Swaheli; die offenen Fronten der indischen Häuser und die reich geschnitzten Swaheli-Türen, ein paar Stufen über Straßenlevel. Auch einmal einen Blick in die Innenhöfe wagen, aber ungefragt keine Fotos machen! Denn Muslime verlieren ihr Gesicht, ihre Ehre, wenn sie abgebildet werden.
Keine Sorge beim Umherwandern, nach spätestens ein, zwei Stunden kommt man entweder an der Creek Road an oder bei den Forodhani Gardens an der Wasserfront. Ein Stadtrundgang kann an den Forodhani Gardens beginnen und führt über die Straße zum Beit al Sahel und zum darin befindlichen Palast Museum. Auf drei Etagen sind Möbel, Schmuck und reichhaltige Sammlungen von Accessoires der verschiedenen Mitglieder der Sultan-Dynastien zusammen getragen. Als erstes Haus der Insel hatte man immerhin 1870 schon fließendes Wasser und Elektrizität zwei Jahre später in allen Räumen.
Im House of Wonders nebenan war man mit der modernen Beleuchtung noch schneller. Das ehemalige Haus der königlichen Zeremonien wurde später zum CCM Hauptquartier umfunktioniert und ziemlich vernachlässigt. Seit Jahren schon redet man davon, es als Erweiterung des Museums herzurichten, doch scheint dies den Wahrheitsgehalt eines Märchens zu tragen.
Im Alten Arabischen Fort, trutzig das Erscheinungsbild der gleichen Straße dominierend, hat man sich des Wertes dieser alten Adressen besonnen, den Bau restauriert und ein Zanzibar Cultural Centre darin eingerichtet. Mit Souvenirgeschäften, einer Gallery und dem Neem Tree Café im Rund um ein Amphitheater. Hier finden an den letzten drei Abenden der Woche Tanzaufführungen statt.
Das Fort verlassend, teilt sich die Straße unter einer Brücke. Das Haus auf der linken Seite war von Heinrich Reute, dem deutschen Händler bewohnt, der sich später in eine wunderbar romantische Liebesgeschichte zu Prinzessin Salme verwickelte – die in der Ehe zwischen Beiden mündete.
Das alte britische Konsulat von 1841-74 liegt gegenüber, neben dem Tembo Hotel, einem Haus aus dem vorletzten Jahrhundert. Das Zanzibar Serena Inn grenzt an das alte Zanzibar Shipping Corp. Building und nur 100 Meter weiter liegt das Haus des berüchtigten Sklavenhändler Tippu Tip. Wer hätte gedacht, dass in den Zimmern dieser Residenz auch Stanley und Livingstone nächtigten, dass an dem mächtigen Schreibtisch des Kontors deren Expeditionsrouten ausgearbeitet wurden, von Tippu Tip persönlich, nach den Erkenntnissen der Lieferanten seiner Menschenware.
Nur ein paar Meter entfernt erhebt sich das Africa House Hotel, einst Treffpunkt aller Reisenden, die gesehen werden mussten. Man saß auf der Dachterrasse, hoch über den Dächern der Stadt zusammen, trank reichlich Tee mit Minze und Kaffee mit Kardamon, schmökte ein paar Wasserpfeifchen, mit Opium, wenn vorhanden und diskutierte die Welt den anderen Weg herum.
Heute gehört das Hotel
dem Staat, das Interieur ist zerbrochen oder bis zur Unkenntlichkeit
verdreckt und neben Einheimischen, die in ihrer Runde bleiben wollen,
ist das Ambiente nur noch Billig-Rucksackreisenden attraktiv.
People´s Garden, am Zanzibar Milestone, von wo aus alle Ansiedlungen
des Archipels vermessen wurden, liegt zwischen dem Beit al Amani (Haus
des Friedens) Memorial Museum, wo ein professioneller Kurator zwischen
den nicht unattraktiven Exponaten von der Insel, auch herrliche
Zanzibar-Türen, einmal Ordnung schaffen sollte, und der anglikanischen
Kathedrale, dem höchsten zweihöchsten Gebäude der Insel. Als Bischof
Sheere 1873 Sultan Bargash die Pläne für den Bau der Kirche auf den
Gebäude des ehemaligen Sklavenmarktes vorlegte, hatte dieser nur die
eine Bitte: die Kathedrael nicht höher als das House of Wonders zu
bauen. Nachdem der diesbezüglichen Zusage des Bischofs, stiftete Sultan
Bargash das Glockenspiel.
Geht man auf der Hauptstraße weiter, in Richtung Hafen, ergeben sich Perspektiven von Moscheen im Vordergrund des anglikanischen Gotteshauses, einer Koranschule für Mädchen und das bunte, laute, lebendige Treiben auf dem Markt. Teile des Geländes sind überdacht, der Hühnermarkt beispielsweise, der Fleischmarkt, der Fischmarkt – mit Furcht einflößenden Gerätschaften wie riesigen Axtblöcken ausgestattet, und Fleischerhaken baumeln aus dem Gebälk. Aus der Kräuter- und Gewürzabteilung wehen alle exotischen Düfte der Welt herüber: Moschus und Vanille, Ingwer und Curry, Cardamon und Pfeffer, und, und. Mag es Stunden dauern sich hier umzusehen, nur selten wird ein Händler drängen wollen, doch etwas zu kaufen.
Entlang der Marktfront verläuft die Mkunazini Road und von ihr biegt die Kajifecheni Road ab, die direkt zu den Hammani Bädern führt. Hier ging das gemeine Sansibar-Volk zum Baden. In den kleineren Bädern die Frauen und dort, da man(n) selbst beim Baden repräsentieren musste, die Männer. Offiziell sind die Häuser nicht mehr zugänglich, doch ein US-Dollar öffnet die Tür und bezahlt den Türsteher als selbst ernannten Führer gleich mit.
Viele Häuser der Kajifechini Street sind von wunderschön geschnitzten Zanzibar-Türen verschlossen, kaum anderswo findet man die traditionellen Ornamente derart reichhaltig verwendet. Von der zwei-türmigen St. Joseph´s Catholic Cathedral geht die Cathedral Street ab in die Gizenga Street, wo lokale Tingatinga-Künstler ihre Stände mit den bunten Hochglanzgemälden aufgebaut haben, und in The Gallery findet man das Beste an hochwertigen “Sansibar-typischen” Souvenirs – mit stark italienischem touch, denn das Gros der Touristen, die ihren gesamten Urlaub auf der Insel verbringen, kommen aus Italien, und auch nur sie sind bereit, die Preise für die hier angebotene Kunst zu bezahlen.
Die Mauer des Alten Arabischen Forts ist jetzt in Sicht und damit der Ausgangspunkt des Rundganges, die Forodhani Gardens. Doch vielleicht mag man ja noch einen Abstecher ins Spice Inn machen, für ein Stück Kuchen möglicherweise oder ein paar Samozas und Yoghurt zum Nachtisch. Und wer noch nicht müde ist, der kann zum Big Tree weiter spazieren, von dort zum Old Customs House und zum Grand Hotel, ob es nun neu eröffnet ist oder noch immer nicht.
The Old Dispensary elegant und edel verziert zur Linken gelangt man zum alten Dhowhafen, doch besteht kaum eine Chance dort eingelassen zu werden – auch nicht, wenn der begleitende Guide das versprochen hat. Übrigens: Stone Town ist ein sicheres Pflaster mit unglaublich freundlichen Menschen, und da man sich nicht verlaufen kann, benötigt man die Hilfe eines Führers nicht.