LIMPOPO PROVINCE

 

Geheimnisvolle Traditionen, Lebenslust und Wild im Überfluss

Die meisten Besucher der Limpopo Province haben nur Eines im Sinn: Safari! Also besuchen sie den berühmtesten Naturpark Afrikas, „den Kruger“ oder eines der exklusiven Private Game Reserves im Gebiet des National Parks. Dass die Region des Limpopo jedoch mit nahezu unbekannten und darum umso attraktiveren Zielen aufwarten kann, muss von interessierten Reisenden erst noch entdeckt werden.

Die Limpopo Province ist das Land der Lemba und der BaLobedu, Volksstämmen mit einem faszinierenden kulturellen Erbe; sie ist das Land der Mythen und Legenden, mit archäologischen Fundstätten, tiefen Mopane- und Baobabwäldern und dem Ruhm der einzigen Königinnen Afrikas: Modjaji Rainqueen, der Regenköniginnen der BaLobedu. Lesen Sie dazu, mehr zu den Landschaften und zu einer Begegnung mit Peter III. Mpefhu Ramabhulana,  dem amtierenden König der Lemba, zwei ungewöhnliche Geschichten.

 

Good Old Kruger

Achtzig Jahre schon steht er in den Ehren, einer der größten Naturparks der Welt und vielleicht sogar der Berühmteste zu sein: Der Kruger National Park, mit zwei Millionen Hektar Wildnis so groß wie Belgien und Dank eines ungewöhnlich dichten Netzes von gut ausgebauten Straßen das Ziel von jährlich fast einer Million Besucher. Nirgends auf der Erde kann man unter ähnlich guten Bedingungen eine vergleichbar große Zahl von Tieren in freier Wildbahn beobachten. Rund 850 Wildarten ist der Park Heimat (137 Säugetier-, 493 Vogel- und 112 Reptilienspezies); außerdem sind 1972 verschiedene Pflanzengattungen registriert. Die Stars der Kruger-Flora- und Fauna sind natürlich die Big Five: etwa 8000 Elefanten, 2000 Löwen, 1000 Leoparden, 2300 Nashörner und mehr als 23 000 Büffel. Doch auch seltenere, um Teil vom Aussterben bedrohte Arten bevölkern den Kruger National Park: Zu ihnen zählen Spitzmaulnashörner ebenso wie Wildhunde, Rappen- und Pferdeantilopen.

Doch was steckt hinter den trockenen Zahlen? Kritiker monieren, dass der Park angesichts seiner Infrastruktur und der Vielzahl der Besucher nicht mehr als Wildnis zu bezeichnen sei, zumal die Tiere sich offensichtlich an den Anblick von Menschen gewöhnt haben. Natürlich, sie haben Recht und dennoch hat „der Kruger“ nach wie vor das Zeug, als Höhepunkt einer Südafrikareise in Frage zu kommen. Das bestätigen jene Reisenden, die alljährlich wiederkommen, um in der endlosen Lowveld-Landschaft des Parks ihre Begegnungen mit Elefanten oder Löwen, Giraffen oder Zebras zu erneuern.

Gut 20 Jahre bevor der nach seinem Gründer benannte Kruger Park offiziell eröffnet wurde, hatte der erste gewählte Präsident von Transvaal, Paul Kruger (die Schreibweise „Krüger“ bezieht sich auf die Einwanderer aus Berlin, von denen Paul Kruger abstammte) die Idee, einen Teil der Wildnis zwischen den Flüssen Crocodile im Süden und Sabie im Norden, als Hegegebiet einzurichten. Böse Zungen behaupten, dass Kruger sich selbst und seinen Besuchern das Jagen erleichtern wollte, da sie das Wild in dem eingezäunten Gebiet ohne Anstrengung schießen konnten. Was immer jedoch der Grund war, aus dem Reservat entstand in den nächsten Jahren durch eine kontinuierliche Erweiterung um neue Schutzgebiete der heutige Kruger National Park: Auf einer Länge von 300 Kilometern zwischen dem Crocodile River im Süden und der Grenze zu Zimbabwe am Limpopo-Fluss im Norden, sowie über eine breite von bis zu 60 Kilometer (südlich des Numbi Gates) zwischen der Grenze zu Mosambiks im Osten und den Ausläufern der Transvaal-Drakensberge im Westen. Offiziell gelten die Grenzen des National Parks zu Mosambik und Zimbabwe seit dem Jahr 2000 nicht mehr, seit der grenzübergreifende Great Limpopo Transfrontier Park sich über 35 000 Quadratkilometer vom Kruger National Park aus in die angrenzenden Wildgebiete von Zimbabwe und Mosambik ausdehnt. Bis sich diese neuen Freiheiten jedoch auch auf dem Safarisektor etabliert haben, wird wohl noch ein wenig Zeit vergehen.

 

Begegnungen im Land der Sagen und Mythen

Der Palast König Peter III. Mpefhu Ramabhulanas ist ein schicker Bungalow inmitten gelb und blau bemalter Lehmhütten. Die Mauer dieses Krals ist von Bougainvilleahecken so dicht und hoch bewachsen, dass sogar die Satellitenschüssel auf dem Dach verziert ist. Vor dem Tor steht ein Toyota Intercooler mit schwarzen Scheiben. Ein Bodyguard steigt aus. Will Richtung Palast gehen. Wird vom Zeremonienmeister aber zurück gehalten. Denn erst sind wir an der Reihe: Mit einer Audienz beim König der Lemba.
Sechs Minuten hat Seine Majestät uns durch den Minister für Innere Angelegenheiten zusagen lassen. Länger habe er leider keine Zeit, da er nach Pretoria zu einer Parlamentssitzung müsse.

King Peter III. ist ein schöner Mann. Erst 35 Jahre alt, groß, mit durchtrainiertem Body und einem ebenmäßigen Gesicht. Er guckt streng, wie es sich für einen König gehört, doch als er unser Geschenk, ein knallbuntes Stück Stoff mit Fabeltieren aus Sansibar entgegen nimmt, gestattet er sich dann doch ein Lächeln. Wie Sansibar sei, fragt er, und als ich mit der Beschreibung der ostafrikanischen Insel fertig bin, sind die sechs Minuten herum. Er tut so, als sehe er die aufgeregten Zeichen seines Haushofmeisters nicht. Stattdessen fordert er mich auf, Platz zu nehmen – auf ein Kissen am Boden, zu seinen Füßen. Dann bietet er Tee an und als wir über viele Stationen in Afrika bei der Geschichte der Lemba angelangt sind, zieht His Highness sein Jackett aus und rutscht vom Thron auf den Fußschemel.

Und erzählt. Davon, dass er Stamm der Lemba angehöre, wohl aber mit den auch hier lebenden BaLobedu und den Venda verwandt sei. Die Lemba aber sind die königliche Linie der Lobedu und Venda. Wie das denn zu verstehen sei, frage ich. Da ordert Seine Majestät südafrikanischen Roten, derweil der Haushofmeister genervt die Augen verdreht und am Knopf seines Jacketts zerrt.

„Die Lemba sind einer der verlorenen Stämme Israels, Nachfolger Hams, Söhne und Töchter Davids II., des Sohnes König Salomons aus dessen Liasion mit der Königin von Sheba.“ König David II. nun war jener Mavelik, der die Bundeslade der Israeliten stahl, um sie in Äthiopien in Sicherheit zu bringen. Während dieser nicht ungefährlichen Mission wurde Mavelik von seinem gesamten Clan, den Babena begleitet, und da man hernach nicht mehr ins Gebiet der Judäer zurückkehren konnte, blieben sie vor Ort, vermischten sich mit den Angehörigen des äthiopischen Fürstenhauses und ließen, als sie um 1200 weiter Richtung Süden zogen, die Familie des zukünftigen Löwen von Juda, Haile Selassi zurück.

Der Treck kam im heutigen Zimbabwe zum Halt, als der königliche Stamm auf ein Volk stieß, zu dem sowohl BaLobedu gehörten, aber auch Venda. Diese Menschen zeichneten sich durch unvergleichliche Freundlichkeit, Gastfreundschaft und Generösität aus. Außerdem waren sie hervorragende Krieger, nur leider unmögliche Verwalter. Es dauerte nicht lange, bis die BaLobedu die von ihnen „Lemba“ Genannten als die Ihren anerkannten. Und als die Lemba ihren Anspruch auf königliche Würden erhoben, sahen die Venda und Lobedu darin den Vorteil, ohne große Mühen an eine Administration gekommen zu sein – und an eine Königliche noch dazu.

Gemeinsam und als „Stamm der Lemba, BaLobedu und Venda“ zog man um 1800 noch weiter südlich, bis zu der hügeligen Landschaft der Soutpansberge, mit ihren glasklaren Bächen und Seen, den zahllosen Wasserfällen, den tief in die Bergschluchten ragenden Tälern und den fruchtbaren Ländereien. Hier ist die Erde so fett, so ertragreich, dass, wie man sagt „man einen Stängel in den Boden stecken kann und im nächsten Moment wächst eine Frucht daran.“

Ideales Land zum Niederlassen, das dachten ein halbes Jahrhundert später auch die Voortrekker des Trecks von Louis Trichardt. Und weil Land genug da war und weder Trichardt noch Peter I. Mpefhu Ramabhulana, königlicher Urgroßvater des heutigen Monarchen, Lust auf kriegerische  Auseinandersetzungen wie andernorts in Südafrika hatten, ließen sich die vornehmlich holländischen Siedler in den Soutpansberg Mountains nieder. Während Peter I. und Louis Trichardt einträchtig zur Elefantenjagd gingen. Erst als 1867 ein Treck mit dem Anführer Schoeman alles Land der Region okkupieren und die darauf lebenden Lobedu vernichten wollte, war´s vorbei mit dem Frieden: innerhalb einer Nacht töteten einheimische Krieger sämtliche Mitglieder des Trecks. Bis auf zwei junge Männer, die angesichts des Massakers in die Berge flohen – aber später von dort aus mit den Lobedu Handel trieben.

Diese Haltung der schnellen Vergebung, der Gewaltfreiheit per se ist ein herausragender Charakterzug der Lemba, nur der Vater König Peters III. soll von einem anderen, einem gerechten zwar, aber sehr lauten Temperament gewesen sein. Zudem hatte er mehr als fünfzig Kinder, was Peter III. unbedingt erwähnen muss. Er scheint ähnliche Ambitionen zu haben. Schon heute ist seine Leidenschaft für Frauen legendär. Wie viele Gemahlinnen und Geliebte er hat, will er jedoch nicht sagen, flirtet stattdessen ungeniert und schlägt vor, dass ich da bleiben und ihn heiraten solle. Das nun treibt den armen Haushofmeister völlig in den Wahnsinn. Er war für einige Zeit in verzweifelte Lethargie versunken, da unsere Audienz schon drei Stunden andauert und er das Fehlen des Lemba-Königs im Parlament wahrscheinlich rechtfertigen muss.

Zwar hängt von der Präsenz der Stammesvertreter kein politisches Veto ab, doch ist es Bestandteil der neuen südafrikanischen Verfassung, dass die im Land verteilten Chiefs und wenigen Könige aktiv in die politische Verwaltungsarbeit eingebunden sind. Noch bis vor knapp 20 Jahren, bevor die Apartheid abgeschafft wurde, waren die Stammesoberhäupter gezwungen, inkognito zu leben, denn die weiße Regierungsmacht verbot den traditionellen Herrschern jegliche Einflussnahme. Im Lembaland allerdings ließ man sich davon nur marginal beeindrucken, schuf stattdessen eine Koexistenz von Weißen und Schwarzen nach der Devise: Es ist genug gutes Land für alle da.

In der Tat präsentiert sich Südafrika nur an wenigen anderen Orten mit derart fruchtbarem Land. Eine kleine Farm reiht sich an die nächste, in den Obst- und Gemüsegärten biegen sich die Äste der Bäume unter dicken Früchten oder wachsen die Rhabarberstängel Meter hoch.

Die Straße nach Phunda Maria, einem der bekanntesten Gates zum Kruger National Park ist asphaltiert und eigentlich schnell zu befahren. Doch hält die Üppigkeit und Dichte der fruchtbaren Landschaft den Besucher in seinem Bann. Da scheinen die Ausläufer der Soutpansberge wie mit dunkelgrünem Samt bespannt, dort, wo eine Avocado Plantage in die andere übergeht. Gelbe und orangefarbene Einsprenkel lockern das Design dieses Patchworks auf und der Duft von Zitronen, Grapefruit und Orangen durchzieht wie mit Millionen prickelnder Bläschen die klare Luft. Bananenstauden stehen dicht an dicht, Pfirsich-, Äpfel-, Mango-, Birnen- und Pflaumenbäume wechseln ab mit Kokospalmhainen und Baobabwäldern. In ihrem Schatten wachsen Bohnen, Kartoffeln, Nüsse, Möhren, Erbsen, Zwiebeln, Tomaten, Kassawa und Sorghum im Überfluss und zwischen den Gemüsereihen picken glückliche Hühner, wohl genährte Gänse und aufgeblasene Pfauen fette Regenwürmer aus der schwarz-roten Erde.

Dreimal im Jahr ist Erntezeit. Dann köchelt´s vor den blau und gelb bemalten Rundhütten der Lobedu, in riesigen Eisenkesseln und sehr würzig duftend. Die gekringelte Masse allerdings scheint suspekt, entpuppt sich als Mopaneworms, Würmer, die sich von den Rinden und Blättern der Mopanebäume ernähren. Wenn sie nicht gerade selbst gegessen werden. Mit Avocados und frischem Ingwer eine empfehlenswerte Delikatesse!

Ohnehin wird ein Spaziergang über die Märkte im Land des Limpopo Flusses zum Trip für die Sinne: Die Farben der überbordenden Stände! Die intensiven Düfte von Obst, Gemüse und Kräutern! Die Geschmäcker der vielen Probierhappen – hier ein Stück Ananas, dort eine Gemüse gefüllte, frittierte Teigtasche, da ein paar Blätter Basilikum, hier eine Handvoll Lietschi, dort ein Glas selbstgebrautes Bier: Die Händlerinnen sind gnadenlos, wenn sie einen Gast verwöhnen können. Und das fröhliche Geschnatter, die vielen Fragen nehmen kein Ende. „Wo kommst du her? Warum hast du keinen Mann dabei? Wie viele Kinder hast du? Wie alt sind sie? Was machst du mit ihnen, wenn sie nicht parieren? Was lernen sie in der Schule?“ Und so weiter. Und nach ihrer Freundlichkeit und Gastfreundschaft gefragt, zucken sie die Achseln: „Schau dich um! Haben wir Grund, niedergeschlagen oder sorgenvoll zu sein? Wo uns das Land alles gibt, was wir brauchen?“

Zugegeben, im ersten Moment fällt es schwer, eine solch einfache Lebensphilosophie für bare Münze zu nehmen, doch die Lobedu und Lemba meinen es ehrlich. Sorgen bereiten allenfalls die vielen Leoparden, die ihr Unwesen regelmäßig in den Viehbeständen der Bauern treiben. Da helfen auch die Beschwörungen des Sangoma nichts.

Wir treffen den Alten auf dem Weg vom Lake Fundudzi zum Thathe Vondo Forest. Unser Campmobil hat den steilen Anstieg zu diesem heiligen Wald der Lemba bei nassem, schlüpfrigen Boden nicht geschafft, jetzt wollen wir jemanden fragen, ob wir an Ort und Stelle übernachten können. Der Jemand ist der Sangoma, außer ihm ist keine Menschenseele weit und breit zu sehen. Und er ist ganz bestimmt: „Oh nein,“ sagt er, „hier darf und kann man nicht übernachten.“

Er erzählt, dass in der Region Geister leben und im See die heilige Python, eine der animistischen Götter des Stammes. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten noch wurden ihm alljährlich junge Frauen geopfert, Schwangere waren ihm dabei am Liebsten. Auch ihre Seelen sollen im heiligen Wald, nur einen kurzen Fußmarsch entfernt wohnen, doch schützt das undurchdringliche Gewirr des Regenwaldes vielmehr die Gräber der königlichen Lemba. Sie werden noch heute mit dem Kopf Richtung Nordosten, Richtung Israel beerdigt. Und ihre Gräber sollen aussehen wie eine Bundeslade – das Haus Davids.

 

Die Regenköniginnen der Lobedu

Die Regenkönigin ist tot! Die Nachricht erreicht uns in Johannesburg, gleich nach unserer Landung in Südafrika. Matshubesi IV., die Herrscherin der BaLobedu, diese kleine, dicke Person, mit den lustigen Augen und dem kindlichen Kichern ist tot – ich kann es kaum glauben. Heute Nachmittag hätten wir uns treffen sollen, nach der offiziellen Audienz auch privat. Bei  meinem letzten Besuch nämlich hatte sie mich gebeten, ihr rote Seidenunterwäsche mitzubringen. Einmal in ihrem Leben wolle sie rote Seidenunterwäsche besitzen, mit Federnbesatz im Dekolleté und Spitze am Höschen. Weiß der Himmel, woher sie um derart Delikates wusste.

„Aus Frankreich muss sie sein!“ Die Königin, nach ihrer Schätzung dreißig Jahre alt und als absolute Matriarchalin von den Lobedu eher gefürchtet, denn geliebt, hatte sich in die Ecke ihres riesigen Thrones gekuschelt, das Gewand aus einem einzigen Stück bunten Kattuns war ein wenig verrutscht, ihr Fuß wippte im Takt von „No woman, no cry“. Bob Marleys Stimme klang reichlich unmelodisch, offenbar waren die Batterien im Kofferradio fast leer. Matshubesi IV. lächelte mich aus den Augenwinkeln an – gestern noch hatte sie nichts als einen unnahbaren, undurchdringlichen Gesichtsausdruck für mich übrig gehabt.

Ich war mit einer Gruppe von drei weiteren Besuchern in ihr Audienzzimmer gebeten worden. Einem großen dunklen Raum mit gestampftem Lehmfußboden und einem hohen Grasdach. Aus einer einzigen Fensterluke drang Sonnenlicht herein und in diesem Lichtstrahl saß die Regenkönigin auf ihrem geschnitzten Holzthron. Ich sagte freundlich „Good morning“ und lachte sie an, doch der Zeremonienmeister schubste mich nachdrücklich in die Knie und dann sofort auf den Bauch. Ich konnte gerade noch die hochmütige Mimik der Queen erkennen, da lag ich schon mit dem Gesicht im Staub. Doch offenbar war meine Haltung noch nicht demütig genug gewesen, denn Matshubesi IV. schnarrte einen Ton, was wohl hieß, dass ich die Arme nach vorne zu recken und die Handflächen zusammen zu legen hätte. Die Stellung ist aus Callagnetics-Übungen wohlbekannt, wenn ich jetzt noch die Beine heben müsste ...


Doch scheinbar war´s die Queen zufrieden, sie ließ mich einfach fünf Minuten so liegen. Währenddessen hörte ich die andern schon aufstehen, das gestattete eine Foto schießen und hinaus gehen.

Wieder schnarrte es vom Piedestal, ein Diener zerrte mich hoch und die Regenkönigin deutete auf die ausgebeulte Tasche meiner Jacke. Ein Apfel. Sie winkte mich zu sich. Ziemlich irritiert, wusste ich nicht, ob ich nun auf dem Bauch heranrobben sollte oder vielleicht rückwärts gehen – die Dame machte nicht den Eindruck, Unbotmäßigkeiten dulden zu können. Ihr Winken wurde herrischer, aha, sie wollte den Apfel haben. Also ging ich einfach auf sie zu und gab ihn ihr – selbst auf die Gefahr, von den nervösen Hofschranzen gemeuchelt zu werden. Wieder winkte sie, diesmal anders herum, ich solle also gehen. Schade, ich hätte gerne auch ein Foto gemacht, doch wagte ich´s nicht, ich muss es gestehen.

Draußen und wieder in der Sonne sah ich ein paar Frauen im Kreis sitzen. Ihrer Kleidung aus feinen Stoffen nach zu urteilen, musste ihr Status mindestens der von Hofdamen sein. Weit und breit war kein Mann zu sehen, nur in der Ferne, auf den Feldern zwischen den Baobabhainen, konnte ich Männer bei der Maisernte erkennen.
Männer auf dem Feld? Männer bei körperlicher Arbeit? Und Frauen einfach so vor der Hütte sitzend? In Afrika? Ich war verblüfft, hatte zwar davon gehört, dass die BaLobedu matriarchalisch regiert werden. Doch dieses Attribut beanspruchen auch andere afrikanische Stämme. Ohne, dass deren Frauen ein leichteres Leben führen dürfen, als in Männer dominierten Gesellschaften.

Die feinen Damen vor der Hütte, pardon, dem Regierungspalast der Regenkönigin, hatten mich zu sich gewunken, und weil ich so viele Fragen hatte, ihre Sprache aber nicht verstehen konnte, bat ich auch den Übersetzer hinzu. Der allerdings winkte aufgeregt ab: Er könne sich doch nicht zu den Ministerinnen der Königin setzen! Die würden ihn der heiligen Python im Lake Funduzi zum Fraß vorwerfen. Tzzz, meinte daraufhin die älteste und dickste Ministerin, die heilige Python würde den Kerl gar nicht annehmen. Sie bevorzuge Schwangere oder eben einfach Bier. Ach so.

Und noch etwas hätte ich wissen müssen: Natürlich gibt es bei den Lobedu Frauen, die so gebildet sind, dass sie auch englisch sprechen. Wie Tatshi, die fröhlich grinsend herbei eilt, mir die Hand schüttelt und loszwitschert. Sie erzählt von der Entscheidung der Königin vor sechs Jahren, alljährlich zehn Mädchen nach Johannesburg zur weiterbildenden Schule zu schicken. Sie selbst hatte zur ersten Gruppe gehört.

Es muss schrecklich für die Zwölfjährigen gewesen sein, aus der Abgeschiedenheit ihrer Siedlung am Funduzi See den urbanen Moloch Großstadt zu betreten. Zwar hatte man sie im Internat freundlich behandelt, doch „lebten wir erst wieder auf, wenn wir die ersten Baobab- und Mopanebäume auf der Herfahrt hierher wieder sahen“. Sie fährt fort: „Dennoch lieben wir unsere Königin, schließlich verdanken ich und andere ihrer unendlichen Weisheit, dass wir die Universität besucht haben und ganz viel wissen“. Dieses Wissen konkret in einem Beruf anzuwenden, kommt ihr allerdings nicht in den Sinn. Sie will den Stamm nicht mehr verlassen, nicht den Schutz der Königin, nicht den Schutz der heiligen Python im See. Im Übrigen habe sie die wichtigste Lebensweisheit ohnehin von ihrer Großmutter erfahren: Dass nämlich die BaLobedu, als Verwandte der nur noch wenigen Venda von Voodoo ausersehen sind, die uralten Traditionen der schwarzen Afrikaner zu bewahren. Und da Männern nun einmal nicht dazu geschaffen sind, schweigsam, organisiert, stark und konstant zu sein, hätte Mami Wata, Göttin des Wassers und Gefährtin Voodoos die Lobedu-Frauen dazu verpflichtet.

Tatshi redete, ich fragte, die Frauen Ministerinnen redeten auch – wir müssen wohl eine ziemlich lautstarke Gruppe gewesen sein. So laut, dass aus dem Audienzsaal der Regengöttin plötzlich ein Aufschrei drang. Sofort erstarrten alle im Kral der Herrscherin zu Salzsäulen. Du meine Güte, was war denn jetzt passiert? „Die Königin fragt, was wir uns so Spannendes zu erzählen hätten? Ob es was sei, was sie nicht wissen dürfe?“

Wie aufgescheuchte Hühner liefen Frauen aus der Siedlung am Kral herbei, bildeten mit den Hofdamen eine Phalanx, die sich in gebeugter Haltung der Fensterluke näherte. „Kommt herein“, schrie Matshubesi IV. wohl, und als alle wieder herauskamen trugen sie ihre Queen samt Thron mit sich.

Ihr sei langweilig gewesen, lässt sie durch Tatshi erklären. Fortan konterte sie jede meiner Fragen mit einer Gegenfrage. Matriarchat? Wie herrscht man in Deinem Land? Männer auf den Feldern? Was tun Eure Männer denn?
Aus meinen Antworten entspann sich ein bizarrer Dialog:
Sie: „Meine Männer müssen zwar nicht arbeiten, bis auf Hutschikutschi. Hihi. Wenn ich das nicht will, will ich sie auch nicht in meiner Nähe haben.“
Ich: „Aha. Na klar. Sie haben mehrere Männer?“
Sie: „Ja natürlich, Du etwa nicht?“
Ich: „Ich habe zurzeit nicht mal einen.“
Sie: „Warum nicht? Du musst doch wenigstens einen ernähren können!“ 
Nicht lange und wir waren bei allen elementaren Fragen zur Kindererziehung angelangt. Matshubesi hatte ihr königlich-manieriertes Gehabe längst abgelegt, kicherte mit uns um die Wette, erzählte Anekdoten ihrer Töchter.

Würde ich eine dieser Töchter heute als Regenkönigin kennen lernen? Wir sind seit vier Stunden unterwegs, auf einer schnurgeraden Asphaltstraße Richtung zimbabwische Grenze, durch Savanne und trockenstaubige Halbwüste. Strauße stolzieren nach Irgendwohin. Allmählich verändert die Landschaft ihr Bild, drängen sich knorrige und skurril verästelte Silhouetten von Mopane- und Baobab-Bäumen in den Vordergrund.

Wir sind im Land der BaLobedu angekommen, dem Stamm der Regenkönigin und ihren Verwandten, den Lemba. Jene gelten als einer der verlorenen Stämme Israels. Um Matshubesi IV. wieder zu sehen bin ich wieder gekommen, ihr die rote Seidenunterwäsche mit Federnbesatz im Dekolleté und Spitze am Höschen zu überbringen.
Was soll ich damit jetzt anfangen?

P.S. Im königlichen Kral angekommen, hatte einer Hofschranzen das Päckchen mit der roten Seidenunterwäsche angenommen, ich durfte mich in das Kondolenzbuch der königlichen Familie eintragen und sollte partout nicht erfahren, dass Matshubesi IV. an Aids gestorben war. Im Volk jedoch sprach man offen darüber und es schien, als würden die Menschen sich dadurch ihrer verstorbenen Queen näher fühlen.

Acht Monate gingen ins Land, bis ich eines Tages wieder einen Anruf aus dem königlichen Kral der BaLobedu erhielt: Man hatte eine neue Rainqueen gefunden, eine neue Modjadji, Makobo, die jüngste Tochter der Verstorbenen. Ich hatte sie kennen gelernt, bevor sie ihr Jurastudium an der Witwatersrand University in Johannesburg begann.

Nun also war sie von den Ältesten des Stammes, von den Astrologen, Medizinfrauen und Schamanen erkoren worden, in das Land der Lobedu zurück zu kehren und ihrem Volk Vorbild und Herrscherin zu sein.

Nachdenklich machte ich mich auf den Weg und fand in der Rainqueen Makobo Modjadji eine junge Frau vor, die das Korsett der konventionellen Vorschriften am Hof ebenso wenig respektieren wollte, wie sie die Allüren ihres Hofstaates ertragen konnte. So brach sie denn auch allen Verboten voran jenes, dass ihr den weiteren Kontakt zu ihrem Liebhaber in Thohoyandou untersagte. Auch sollte sie nicht alleine Auto fahren, keinen Alkohol trinken, nicht rauchen…

Wenige Wochen nach ihrer Inthronisierung wurde sie gesehen, hinter dem Steuer ihres Autos vor dem Haus ihres Geliebten, dann mit ihm in einer Bar, dann mit einer brennenden Zigarette auf offener Straße…

Wir begegneten uns mehrfach, feierten das Neujahrsfest 2005 miteinander. Es war schwer Makobo sich zwischen ihren Welten zerstören zu sehen – ihre Freiheiten als junge gebildete Frau vermissend und dadurch nicht in der Lage zu sein, die traditionellen Ansprüche an die Rainqueen zu erfüllen.
Am 13. Juni 2005 ging eine Nachricht bei den Newslines der südafrikanischen Medien ein:  „The Modjadji Royal Council confirmed on Monday the death of Rain Queen Makobo Modjadji of the BaLobedu people in Limpopo.”

Makobo, die Regenkönigin der Lobedu war mit Vergiftungserscheinungen ins Hospital eingeliefert worden und noch in der Nacht im Alter von 27 Jahre gestorben.

Seither sind die Lobedu ohne eine Herrscherin, die Limpopo Province ohne Rainqueen, und es hat schon lange nicht mehr ausreichend geregnet…