KWAZULU-NATAL

Das kosmopolitische Land der Zulu erleben


Bis 1994 bezeichnete man die Provinz KwaZulu-Natal lediglich als „Natal“. Diesen Namen hatte die Region im Osten Südafrikas von den frühen Kolonialherren erhalten, doch mit der Besinnung auf die ursprüngliche Kultur Südafrikas erhielt die Provinz die Bezeichnung KwaZulu-Natal. Wie zutreffend der Name ist, bestätigt die Grenzführung der Provinz, die sich an dem Gebiet des alten Königreiches der Zulu orientiert. Der Tradition dieses stolzen Volkes folgend, haben alle Zulu ihren angestammten Lebensraum in diesem Landesteil, der sich über den südlichen Teil der Drakensberge bis an die schönsten Strände Südafrikas erstreckt. Innerhalb dieser Grenzen dehnen sich landschaftlich einmalige National Parks und Game Reserves aus. Einige von ihnen sind weltberühmt, so dass sie als Synonym gelten für die Reputation Südafrikas als Safariland. Neben den Zulu lebt nahezu die gesamte indisch-stämmige Bevölkerung im Großraum von Durban – jener Hafenstadt, die mit ihrem kosmopolitischen, aber leicht verruchten Flair in Südafrika einzigartig ist.

In „KZN“ ist das Leben bunt, schnell, modern und fortschrittlich, es ist aber auch ebenso fest in den Traditionen der Zulu verwoben, wie in denen der indisch-stämmigen Bevölkerung. Dass dies keine Konflikte schürt, ist dem Selbstbewusstsein der beiden Kulturvölker zu verdanken. Im Gegenteil ist dieses Selbstverständnis auch die Basis für das Miteinander mit denen, deren Vorfahren erst später nach Südafrika kamen.

Wo sie sich niederließen, bezeichnen die Namen ihrer Städte: Underberg, Wartburg, Bethlehem, Hanover, Nottingham Road… Hier geben sich einerseits die Menschen britischer als die Queen, während ihre deutsch-stämmigen Nachbarn andererseits Schwarzwälder Kirschtorten backen, die so lecker in ganz Old Germany nicht mehr zu finden sind. Da verwundert es nicht, dass sie auch Bier brauen: Wieselbier, Warzenschweinbier oder ein autofahrerfreundliches Null-Komma-Josef. Übrigens wird in der Nähe neuerdings auch Wein angebaut – der erste Riesling erhielt auf der Weinschau in Kapstadt denn auch gleich eine Bronzemedaille.

Ein weiteres Highlight der „kleinen Art“ – bevor wir zu den „großen wie die Big Five“ kommen – ist die Region des Midlands Mäander, wo es die umfangreichste Auswahl an Kunstobjekten im Stil südafrikanischer Handwerkskunst zu erwerben gibt. Nicht mehr ganz so attraktiv wie zu Beginn der Öffnung des „neuen Südafrika“ sind die zahlreichen battlefields der Region. Was zeigt, dass die Blicke sich allmählich von der Vergangenheit des Landes lösen, um Richtung Zukunft zu schauen.

Die hat in den Wildreservaten KwaZulu-Natals schon zu jenem Zeitpunkt begonnen, als private Finanziers sich der riesigen überweideten Flächen annahmen und sie unter professioneller Mitwirkung renaturieren ließen – was bedeutet, dass sämtliche Relikte der Zivilisation wie Farmgebäude, Weidezäune, Brunnen oder Strommasten entsorgt, aber auch alle exotischen Pflanzen mit der Wurzel entfernt wurden. Statt ihrer erhielt die heimische Flora ihren angestammten Lebensraum zurück und mit ihr sämtliche, einst hier ansässigen Wildtierarten. Das sind natürlich die Big Five – Elefanten, Nashörner, Büffel, Löwen und Leoparden – und zahlreiche andere Bewohner afrikanischer Wildnisse. Mit diesem Tierreichtum steht man dem bekannten Kruger National Park in der Limpopo Province in Nichts nach.

Ohnehin scheut keines der Private Game Reserves einen Vergleich, schon gar nicht, was die Unterbringung  der Gäste angeht. So zählt es zu den Markenzeichen der Private Game Reserves, dass ihre Lodges durchweg in Komfortklassen rangieren, die selbst von verwöhnten Ansprüchen so nicht erwartet werden konnten.

Mit weniger als mit Superlativen scheinen aber auch die anderen Landschaften sich nicht zufrieden geben wollen. Da erstreckt sich die grandioseste Berglandschaft, die das gesamte südliche Afrika zu bieten hat, über 1012 Kilometer von Hoedspruit im Norden Südafrikas bis in den Süden des Königreiches Lesotho. Das Drakensberg Massiv ist nach dem  Kilimandscharo Gebirge in Tanzania das zweithöchste in ganz Afrika – mit Gipfeln in Höhen von 3484 Meter (Thabana-Ntlenyana in Lesotho) und dem 3377 Meter hohen Champagne Castle im Natal Drakensberg National Park.

Die Kette der Drakensberge wird von einer Senke zwischen Harrismith und Barberton unterbrochen und demnach unterscheidet man den Gebirgszug auch namentlich: Im Norden liegen die Transvaal- und im Süden die Natal-Drakensberge. Jene bilden eine natürliche Grenze zwischen KwaZulu-Natal und dem Königreich Lesotho; nach Westen laufen sie in den innerafrikanischen Grabenbruch aus, nach Osten hin stürzen sie stellenweise steil ab. Seinen Namen erhielt das vor etwa 300 Millionen Jahren im Paläozoikum entstandene Sandstein- und Basaltmassiv von burischen Siedlern: Sie glaubten in dem etwa 100 Kilometer langen gezackten Kammrücken zwischen Mount-aux-Sources und Underberg die Umrisse eines Drachen zu erkennen.   

Solch grandiose Landschaftsformen verlaufen nur selten unspektakulär, so dass auch die Natal-Drakensberge noch lange auf dem Weg in den Süden zu spüren sind. In der Region der Thousend Hills beispielsweise, wo das Land nördlich von Durban wie in 1000 Falten gelegt ist. Von hier aus ahnt man die Skyline Durbans, doch ist man in der drittgrößten Stadt Südafrikas erst einmal angekommen, nehmen die Überraschungen kein Ende. Denn so ganz anders als beispielsweise das biedere Port Elizabeth besteht Durban auf den ersten Blick aus Boom und Glitter: Wolkenkratzer mit verspiegelten Fassaden, funkelnde Wohlstandskarossen, schicke Straßencafés, lärmende Vergnügungszentren und grelle Neonreklamen – in Durban betäuben quietschgrünes und pinkfarbiges Plastik, laute Musik und verwirrende Düfte die Sinne.

Zugleich ist Durban auch ein bisschen herunter gekommen, ein Bordell kann hier mit einem bodenständigen Hotel und einem Feinschmeckerrestaurant unter einem Dach residieren. Das Viertel der indisch-stämmigen Bevölkerung rund um den Victoria-Market ist ein Pendant zu ähnlichen Stadtteilen irgendwo in Indien und in der Innenstadt, während die Innenstadt ein Kalenderblatt britischer Kolonialarchitektur zu kopieren scheint. Durban ist gegensätzlich, wild und bunt, es ist tolerant: Hier verkommt kosmopolitisches Dasein nicht zum Politikum, es wird gelebt. Schon immer ließen Menschen aller Rassen sich hier nieder, ohne auch nur die geringste Mühe vorzutäuschen, ihre Andersartigkeit zu kaschieren. Durban ist easy going, darum leben Zulu, Asiaten, Schwarze und Weiße hier zusammen und genau deshalb machen so viele Südafrikaner leidenschaftlich gern Urlaub in Durban. Mit der größten Badewanne Südafrikas direkt vor der Nase, dem Indischen Ozean, der sich unter fast ewiger Sonne über seichte Strände direkt erreichen lässt.

Die Faszination dieser warmen Meereslandschaft erstreckt sich im Osten Südafrikas bis an die Küsten von Mosambik. Da erstrecken Wildnisse sich aus dem Landesinneren bis an die Gestade des Ozeans, gehen in der einzigartigen Welt der Greater St Lucia Wetlands auf und versinken vor den intakten  Korallenriffen der Sodwana- und der Kosi Bay in Unterwasserlandschaften von unberührter Schönheit. Fernab der üblichen Touristenpfade sind diese Regionen ein Kosmos von ungeahnter Exotik – mitten im ursprünglichen, nur wenig zivilisierten Afrika.

 

"Chaka Zulu" und die Geschichte der Zulu

Er ist die wohl berühmteste Gestalt aus der Geschichte der schwarzen Urbevölkerung Südafrikas, der legendäre Zulukönig Chaka. Bis heute wird der „schwarze Napoléon“ von den Zulu wie ein Heiliger verehrt, wer er es doch, der dem größten Volksstamm Südafrikas Selbstvertrauen, Einigkeit und Autarkie beschert hatte. Wie kein anderer Führer erkannte Chaka die Belange seines Volkes, einte und verteidigte es gegen alle Angriffe.

Chaka (oder Shaka), der wahrscheinlich 1787 als Angehöriger eines kleinen Nebenstammes der Amazulu geboren wurde, verfolgte wie sein Vorgänger Dingiswayo das Ziel, schnellstmöglich alle Zulustämme zu einer Einheit zu formieren, um so den europäischen Kolonisatoren erfolgreich entgegen treten zu können. Beider Ziel war es außerdem, den Widerstand jener unbedeutenden Stammeshäuptlinge zu brechen, die ihre Ländereien im Tausch gegen Weinbrand, unnützen Tand und leere Versprechungen an die Weißen verschleuderten.

Bei einer dieser internen Auseinandersetzungen fand Dingiswayo den Tod, und Chaka übernahm, knapp 30-jährig, dessen Nachfolge. Als Häuptling betrieb Chaka die Einigung der rund 100 verschiedenen Zulustämme rigoros. Unterhäuptlinge, die ihm nicht folgen wollten, wurden abgesetzt oder getötet. Sippen und Stämmen jedoch, die ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben wollten, stellte er frei zu gehen. Die Shangaan in Mosambik, die MaShona und die Matabele im Süden des heutigen Zimbabwe und die Ngoni nördlich des Zambesi wählten damals diesen Weg.

Unterdessen konzentrierte Chaka sich auf das Ziel der militärischen Sicherung eines unabhängigen Zulureiches zwischen den Flüssen Pongola und Umzimkulu. Der Drill seiner männlichen Untertanen in eigens errichteten Kralen zeitigte in der Folge ungewöhnliche Siege: So ergriffen nicht nur feindliche Stämme die Flucht vor den halbmondförmig angeordneten Kampfreihen heranstürmender Zulu, auch modern ausgerüstete britische Verbände stoben aufgelöst und in Panik davon. Nicht zuletzt aus Angst vor den punktgenau geschleuderten Assagei (Kurzspeer) der Zulu.

So gewannen die Zulu eine Reihe von Kämpfen und ihr Ruhm als unerschrockenes Kriegervolk verbreitete sich über den gesamten Kontinent. Daran änderte sich zunächst auch nichts, nachdem Chaka am 28. September 1828 ermordet worden war. Erschlagen von seinem Bruder Dingaan. Der ließ sich von den Zulu sofort als neuer Führer feiern und hielt durch geschickte militärische Vorstöße den Ruhm der Zulu als Kriegsvolk aufrecht. So eilte der Ruf der unbesiegbaren Zulu auch in Richtung immer neuer Okkupantentruppen, so dass deren Führer Verhandlungen und Verträgen den Vorzug vor Kriegen gaben. Das war auch die Intention der Buren, die sich 1836 in Trecks von der Kapkolonie Richtung Osten aufmachten. 1837 erreichte ein großer Trupp Voortrekker unter der Führung von Piet Retief Zulu-Land. Sie errichteten in der Nähe des Tugela Flusses am Fuß der Drakensberge ein Lager.

Die sofort beginnenden Verhandlungen zwischen Piet Retief und Häuptling Dingaan endeten vier Monate später mit der Unterzeichnung eines Siedlungsvertrages – es schien die erste friedliche Koexistenz zwischen weiß und schwarz besiegelt. Man schrieb den 4. Februar 1838, doch wurde dieses Datum leider zum Symbol für das Gegenteil, denn in der gleichen Nacht noch wurde Piet Retief von Dingaan ermordet, während ein Heer von Zulukriegern das Camp der Buren überfiel und nahezu alle Voortrekker vernichtete.

Es fällt noch immer schwer, diese geschichtliche Entwicklung objektiv zu bewerten, so dass eines der hinter vorgehaltener Hand kolportierten Gerüchte eine gern benannte Erklärung liefert. Demnach habe ein britischer agent provocateur den Zulu Dinge versprochen, die sie von den Buren nicht erwarten konnten. Was immer den Grund für das schmähliche Verhalten Dingaans lieferte, es besiegelte letztendlich das Schicksal des einstmals hoch angesehenen Volkes der Zulu. Denn was dem Angriff auf den Burentreck folgte, war ein Vernichtungskampf – zunächst der Buren gegen die Zulu, dann der Zulu gegen ein vereintes Heer aus Buren und Briten. Gegen diese Übernacht waren Dingaans Krieger chancenlos. Am Inkome-Fluss, der seither Blood-River heißt, verloren am 16. Dezember 1838 in einer einzigen Schlacht 3000 Zulu ihr Leben.

Es folgte eine Zeit weiterer Kämpfe, aber auch Verhandlungen, Betrügereien, erneuter Überfälle und weiterer Verhandlungen und so fort. In deren Folge fand Dingaan den Tod, sein Bruder Mpande übernahm die Häuptlingswürde, doch war dies schon eine Farce, da jener sich für billige Versprechungen von den Buren ebenso wie von den Briten einwickeln ließ. Den Zulu blieb als Lebensraum nichts mehr als ein schmaler Streifen Landes nördlich des Black Umfolozi-Flusses.

1872 jedoch regte sich abermals Widerstand. Der neue Häuptling der Zulu, Cethewayo (sprich: Ketschwayo), Mpandes Sohn, ordnete seine Armee neu und kaufte Gewehre in Mosambik. Ein daraufhin gestelltes Ultimatum der Engländer zur Ablieferung der Waffen ließ der neue Führer der Zulu tatenlos verstreichen, woraufhin die Briten sogleich ein Heer über den Tugela-Fluss in Bewegung setzten. Mit dem fatalen Erfolg jedoch, dass in dem entbrennenden Kampf 1500 englische Soldaten den Tod fanden. Cethewayo bot den Feinden daraufhin den Frieden an, doch die Statthalter der britischen Kolonie, sahen es laut einer Tagebucheintragung des damaligen Hohen Kommissars der Kapkolonie als ihre „Verpflichtung an, die Zulu endgültig zu schlagen, um sie dann ebenso zu leiten wie die anderen eingeborenen Völker.“ Er verfügte 35 000 Soldaten in die Region, bewaffnet mit Kanonen und neuestem militärischen Gerät, so dass den Zulu keine Chance verblieb. 1887 proklamierten die Engländer ihr Protektorat über das Zululand – die Eroberung Natals war beendet.

Doch endet die Gesichte der Zulu damit keineswegs. 41 Jahre nach der Protektoratsgründung wurde in dem kleinen Ort Mahlabatini in der damaligen Provinz Natal Gatsha Mongosuthu Buthelezi geboren – durch die Zugehörigkeit seiner Mutter zum Zulukönigshaus ein direkter Nachfahre König Chakas, Dingaans, Mpandes und Cethewayos. 1975 erneuerte der damals 47-jährige die Inkatha, eine über die Zeitläufte Südafrikas hinweg intakt erhaltene Kulturgesellschaft der Zulu. Die Inkatha wurde zum Banner der kulturellen Befreiungsbewegung der Zulu. Ihre Strukturen glichen denen des ANC von Nelson Mandela, was kein Zufall war, da Buthelezi der Jugendbewegung des ANC angehört hatte.

Nach dem Beginn der Demokratisierung des „neuen Südafrika“ driftete die Ausrichtung der Inkatha von der Linie des ANC ab, es war Buthelezi wichtiger, die Autonomie des Zululandes voran zu treiben. Dass diese politischen Ambitionen bis heute nicht zu Absplittungen geführt haben, ist Ausdruck der jüngsten Geschichte des Regenbogenlandes am afrikanischen Kap – wobei alle Politiker Südafrikas stets ein waches Auge auf die Aktivitäten im Zululand haben, schließlich ist Buthelezi ein Nachfahre Cethewayos, Mpandes, Dingaans und König Chakas.