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Wir verlassen das Savuti-Gebiet in einem kleinen Buschflugzeug und fliegen nach Nordwesten Richtung Caprivistreifen. Es ist unglaublich, wie pünktlich diese Buschflugzeuge ihre „Haltestellen“ mitten in der Wildnis anfliegen. Wir jedenfalls haben in den letzten Jahren noch nie eine Verspätung bei diesen kleinen Maschinen erlebt. Es geht über eine weite, grüne Ebene, immer wieder unterbrochen von großen Wasserflächen. In der Mitte dieser flachen Gewässer können wir das eigentliche Flussbett des Kwando erkennen. Ungefähr 30 Minuten später leuchtet der weiße Landestreifen „unseres“ Camps inmitten von dichtem Grün zu uns herauf. Dem Piloten gelingt wieder eine perfekte Landung, wir rollen aus und werden bereits von einem Fahrer erwartet. Unser Gepäck wird umgeladen und wenige Minuten später haben wir unsere Unterkunft erreicht. Wir sind wieder einmal in einem privaten Reservat unterwegs. Es erstreckt sich über circa 600 km² und bietet maximal 32 Gästen in zwei verschiedenen Camps eine Übernachtungsmöglichkeit. Man hat also stets das Gefühl, alleine in der Wildnis unterwegs zu sein. Da die Jeeps alle mit Funkgeräten ausgerüstet sind, gibt es kein Risiko, verloren zu gehen. Unser Camp besteht aus acht Luxuszelten mit Waschraum / Dusche / Toilette. Sie stehen unter schattigen Bäumen. In der Mitte der Anlage befindet sich das hölzerne, halboffene Haupthaus, davor – direkt am Ufer des Kwando – sitzt man abends an der Feuerstelle und blickt auf den Fluss. Auch ein kleiner Pool ist vorhanden. Wie wir es gewohnt sind, reicht man uns bei der Ankunft feuchte Tücher und ein kühles Getränk. Wir werden an die Bar geführt und mit den wichtigsten Informationen zum Camp versorgt. Im Grunde ist dieses Prozedere in jedem Camp gleich, also ist es reine Routine für uns. Auch das Unterschreiben der so genannten Indemnity-Erklärung ist üblich. Sie besteht aus einigen Paragraphen, ähnlich wie das „Kleingedruckte“ bei Versicherungsverträgen. Mit dieser Erklärung bestätigen wir, dass eventuelle Schadensersatzansprüche gegen die Campbetreiber ausgeschlossen sind. Sollte uns also eine Schlange beißen oder ein Tier in irgendeiner Weise verletzen, so ist das unser privates Risiko. Natürlich achten unsere Safari-Begleiter trotzdem sehr genau darauf, dass diese Risiken fast ausgeschlossen werden. Auf der anderen Seite gibt es die unglaublichsten Verhaltensweisen, die manche Gäste schon an den Tag gelegt haben. Das reicht von „ich möchte mal ein Zebra streicheln“ bis „mach doch mal ein Foto, wenn ich neben dem Elefant stehe“. Es gibt tatsächlich Menschen, die sich nicht vorstellen können, dass die Tiere in der Wildnis wirklich „wild“ sind und dass deren Verhaltensweisen für Unerfahrene absolut unberechenbar sein können.
Wir beziehen unsere Unterkunft und können uns erst einmal ausruhen. Also packen wir unsere Sachen aus und setzen uns auf die Holzveranda vor dem Zelt. Wir blicken auf das träge fließende Wasser des Kwando, dahinter breiten sich die Schilfwiesen eines Sumpfgebietes aus. Ab und zu hören wir das Grunzen eines Hippos, mit Ausnahme einiger Vögel haben sich die anderen Tiere bei der großen Mittagshitze irgendwo in den Schatten zurückgezogen. Ich kontrolliere meine Fotoausrüstung und meine Gedanken schweifen ab. Ich habe das Camp ganz bewusst ausgesucht, denn hier hat man ziemlich gute Chancen afrikanische Wildhunde zu beobachten. Man vermutet, dass es von dieser bedrohten Tierart noch circa 5.000 Tiere in ganz Afrika gibt. Wildhunde benötigen ein relativ großes Jagdgebiet, das bis zu 500 km² umfassen kann. Das macht es so schwierig, diese Tiere aufzuspüren. Während Löwen oder Leoparden sich in relativ überschaubaren Revieren aufhalten, sind Wildhunde meistens auf der Wanderschaft. Nur wenn das so genannte Alpha-Weibchen (das dominante Weibchen) Junge auf die Welt bringt, kann man sie etwas länger an einem Platz beobachten. Im letzten Jahr hatten wir die Hunde im Okavango-Delta um nur drei Tage verpasst, aber knapp daneben ist halt auch vorbei!
Inzwischen ist es Nachmittag, Zeit für einen Tee mit Kuchen. Wir laufen zum Haupthaus, treffen die anderen Gäste, und unsere Safari-Begleiter für die nächsten Tage stellen sich vor: unser Fahrer „Captain“ und der Tracker James. Heute werden wir nicht mit dem Jeep raus fahren, sondern mit Janet und Mike, zwei Gästen aus den USA, einen Bootsausflug unternehmen. Wir betreten das Boot. Es ist nicht sehr groß und hat einen einstöckigen Aufbau. Wir klettern hoch und können jetzt über die Schilfwiesen hinweg schauen, dadurch haben wir natürlich einen weiten Blick über das Land. Wir legen ab und tuckern gemütlich den Flusslauf entlang. Hier und da entdecken wir einige Vögel, auch ein Elefant ist zu sehen. Wir stoppen an einer Stelle und werden sofort misstrauisch beobachtet. Drei Hippos halten sich hier auf, der Bulle ist überhaupt nicht mit unserer Anwesenheit einverstanden und taucht immer wieder auf und ab. Captain erklärt uns, dass Tier hätte sich schon vor einiger Zeit eine blutige Nase bei einem Angriff auf das Boot geholt und würde seit diesem Tag die zeitweilige Anwesenheit dieses „Rivalen“ notgedrungen akzeptieren. Das Wasser ist glasklar und wir können von unserem oberen Stockwerk aus gut sehen, wie sich die Hippos unter Wasser fortbewegen. Wir erreichen eine kleine Grenzstation am Flussufer, denn der Kwando bildet hier die Grenze zwischen Namibia und Botswana. Die Soldaten grüßen uns freundlich und Captain hält ein kurzes Schwätzchen. Irgendwann stoppen wir für unseren Sundowner, dann drehen wir um und steuern unser Camp an. Es war ein netter Ausflug, aber für mich als „Großwildjäger“ eher eine gemütliche Kaffeefahrt, ohne wirkliche Höhepunkte. Ich tröste mich damit, dass es morgen früh „richtig“ losgeht und ich bestimmt noch auf meine Kosten kommen werde. Wir setzen uns zu einem Sundowner an die Feuerstelle und bewundern einen perfekten Sonnenuntergang, am Abend sitzen alle Gäste an einem langen Tisch und werden von einer aufmerksamen Crew mit Speisen und Getränken verwöhnt. Dann genießen wir noch eine zeitlang die Lagerfeuer-Romantik am Feuerplatz bevor wir zum Zelt gebracht werden.
Mitten in der Nacht werden wir von einem berstenden Geräusch geweckt. Wir können es sofort einordnen. Da draußen reißt mal wieder jemand Äste mit frischem Grün von den Bäumen. Ich stehe auf und gehe auf Zehenspitzen zum Zelteingang. Die Plane des Eingangs ist aufgeklappt, ich bin von der Außenwelt nur durch ein Moskitonetz getrennt. Es ist furchtbar dunkel da draußen. Komisch, eigentlich müsste der Mond für Licht sorgen. Ich beuge mich etwas vor und schaue direkt in das Auge eines Elefanten, der etwa zwei Meter entfernt vom Zelteingang steht. Ganz langsam bewege ich mich zurück, hat er mich entdeckt? Wie wird er reagieren? Ich halte den Atem an, aber der Riese da draußen frisst einfach gemütlich weiter. Inzwischen hat sich meine Frau hinter mich gestellt und lugt ebenfalls hinaus. So eine hautnahe Begegnung möchte sie sich nicht entgehen lassen. Wir wispern uns unsere Kommentare zu, bloß keine Aufmerksamkeit erregen. Jetzt können wir ähnliche Geräusche von der anderen Zeltseite hören. Aha, die Büsche und Bäume um unser Zelt scheinen also köstlich zu schmecken – zumindest für Elefanten. So stehen wir am Mosiktonetz und beobachten den Eli, bis der langsam weiterzieht. Zehn Minuten später ist rund um unser Zelt wieder Ruhe eingekehrt, wir können weiter schlafen. Ich stelle fest, dass für uns Begegnungen dieser Art zwar spannend sind, Angst einflößend sind sie aber schon lange nicht mehr.
Langsam kriecht die Dunkelheit aus unserem Zelt. Die Planen an der Stirnseite sind die ganze Nacht über hochgeklappt, deshalb können mich die ersten zarten Lichtstrahlen am nächsten Morgen ungehindert erreichen. Ich stehe auf bevor der Wecker losgeht, heute findet endlich unser erster Gamedrive statt! Natürlich wird Ruth jetzt ebenfalls wach und so sind wir die ersten an der Feuerstelle. Es ist noch ziemlich kühl, einer der Guides sitzt in der Nähe des Feuers und hat sich trotzdem in seine Fleecejacke gekuschelt. Er schaut müde aus. Das ist aber auch verständlich, denn wenn wir um kurz vor 06:00 Uhr erscheinen, sind die Angestellten des Camps schon viel länger auf den Beinen. Man bringt uns heißes Wasser und meine Frau bereitet uns einen Rooibostee (Rotbuschtee) zu. Dazu gibt es Cornflakes und Muffins. Bald darauf erscheinen alle anderen Gäste und um kurz vor 07:00 Uhr sitzen wir – noch dick eingepackt – im offenen Jeep und rumpeln die Piste entlang. Der Himmel ist klar und die Sonne wird nicht lange brauchen um uns aufzuwärmen.
Die Zebras am Rand der Piste und selbst die Madenhacker auf ihrem Rücken schauen uns scheinbar erstaunt an, so als könnten sie nicht begreifen, welches „Tier“ da am frühen Morgen mit so viel Lärm den Weg entlang kommt. Eine Giraffe schreitet würdevoll durch die Savanne; sie kommt an einem riesigen Termitenbau vorbei, der ist immerhin genauso hoch wie sie. Die Giraffe stellt sich neben den Bau und schaut uns an, ein schönes Bild! Es sieht aus als würde sich ein Tourist zusammen mit einer Sehenswürdigkeit fotografieren lassen. Nachdem ich mein Foto „im Kasten“ habe, wendet sie sich einem Akazienstrauch zu und frisst, während zwei Madenhacker den langen Hals hinauf- und hinunterhüpfen. Vorsichtig schlängelt sich die lange Zunge um die spitzen Dornen der Akazie um die Blätter dazwischen zu erreichen und abzupflücken. Wir fahren langsam weiter, denn vor uns müssen einige Leierantilopen und Zebras unbedingt noch unseren Weg kreuzen. Sie beachten uns noch nicht einmal, scheinbar wissen sie, dass wir sie nicht überfahren werden. Nur die jungen Fohlen sind schreckhafter und wechseln die Seite im Galopp. Die Strecke macht eine Biegung und wir treffen auf einen Elefanten, der dicht an der Piste steht. Der Eli erschrickt, prustet und wedelt aufgeregt mit den Ohren. Wir sind also nicht besonders willkommen am frühen Morgen. Dann sehen wir den Grund der Aufregung: Ein kleiner Elefant kommt hinter einem Busch hervor, die Mama ist nur in Sorge um ihr Kind. Captain gibt Gas und wir vergrößern den Sicherheitsabstand. Eine Gruppe Kudus beobachtet die Szene sehr interessiert. Etwas weiter entfernt können wir braunes Fell im Buschwerk erkennen, dann tauchen die zugehörigen Köpfe auf. Es sind Elen-Antilopen, die größte Antilopenart in Afrika.
Inzwischen hat sich die Luft aufgewärmt und wir können unsere obersten Kleidungsschichten ablegen. Wir haben die Zwiebel mit ihren zahlreichen Häuten als Vorbild genommen und ziehen immer mehrere Kleidungsstücke übereinander an. Bei zunehmender Wärme pellen wir uns Stück für Stück aus den Kleidern. Auf einer freien Grasfläche halten wir an. Eine Familie von Hornraben wandert durchs Gras, sie sind auf der Suche nach Insekten, Eidechsen oder Mäusen. Die Vögel sind recht groß und haben ein schwarzes Gefieder. Während die jungen Hornraben einen beigefarbenen Kehlsack besitzen, ist er bei dem Männchen dunkelrot gefärbt und leuchtet schon von weitem im Gras. Die Gruppe zieht an unserem Wagen vorbei und konzentriert sich auf die Futtersuche. Haben sie etwas gefunden, dann schnicken sie die Beute nach oben, heben blitzschnell den Kopf, öffnen den Schnabel und verschlucken die Beute. Einer der Hornraben ist jetzt ganz dicht am Auto und ich kann seine langen, dichten Wimpern erkennen. Die braucht er wohl, denn damit sind seine Augen vor Gräsern und Zweigen gut geschützt. Wir erreichen einen kleinen See. Hier stehen bereits drei andere Jeeps, zwei Tische sind aufgebaut und die Gäste bedienen sich mit Tee, Kaffee und Knabbergebäck. Janet und Mike, die mit uns gefahren sind, haben ihr Gepäck dabei. Das wird jetzt in eines der anderen Fahrzeuge geladen, denn dieser Treffpunkt liegt ungefähr auf halbem Weg zwischen zwei Unterkünften. Die beiden Amerikaner wechseln einfach das Fahrzeug und die Begleiter, während ein Gast aus dem anderen Camp jetzt sein Gepäck in „unserem“ Jeep verstaut. Bald darauf werden die Tische abgeräumt und in den Fahrzeugen verstaut, dann geht es zurück zu den jeweiligen Camps. Wir schrecken drei Warzenschweine auf, sie rennen ein Stück, bleiben ganz eng zusammen und starren uns an. Sie sind sich wohl nicht sicher, ob wir gefährlich für sie sind oder nicht. Dann kommen sie zu dem Schluss, dass sie nichts zu befürchten haben und kratzen sich erst einmal ausgiebig an einem abgestorbenen Busch. Wir rumpeln weiter die Piste entlang, sehen aber auf unserem Weg nichts Außergewöhnliches. Ja, so ist das, wenn man bereits viele Gamedrives hinter sich gebracht hat. Zebras, Antilopen, Warzenschweine, Elefanten und zahlreiche Vögel sind dann eben nichts Besonderes mehr. Trotzdem möchte ich keine einzige Pirsch auslassen, denn schon die Fahrt durch manchmal unwirklich scheinende Landschaften lohnt sich und man weiß nie, was hinter der nächsten Biegung auf einen wartet.
Wir verbringen die heiße Mittagszeit im Camp und ich kümmere mich um die kleineren Bewohner. In der Nähe der Feuerstelle beobachte ich die Baumhörnchen, die schnell ihre Scheu verlieren, wenn ich mich bewegungslos in ihrer Nähe aufhalte. Am Ufer nisten die hübschen Zwergspinte. Die kleinen bunten Vögel sind meisterhafte Flieger und fangen ihre Beute in der Luft. Es ist eine Freude sie zu beobachten. In dem großen Baum neben mir hämmert ein Specht. Mit seinem knallroten Kopf ist er auch im Schatten der Bäume gut zu erkennen. Dann tauchen Paviane am Ufer auf. Ein groß gewachsenes Männchen klettert die Uferböschung hinauf zur Feuerstelle. Ich trete den Rückzug an, denn nach unseren unliebsamen Erfahrungen mit diesen Affen in der Vergangenheit, verzichte ich gerne auf ein Zusammentreffen. Ich besuche meine Frau, die sich auf unserer Veranda sonnt und schlafe noch ein Stündchen, um fit für den Nachmittag zu sein.
Gegen 15:30 Uhr treffen wir uns wieder zum „Afternoon Tea“ (Nachmittagstee), dann geht es hinaus in die Wildnis. Zunächst steuert Captain unseren Jeep zur Landepiste. Auf der einen Seite hat man mit einer Planierraupe einen Erdwall aufgehäuft um die Piste vor dem stetig steigenden Wasser zu schützen. Genau da befindet sich jetzt eine Herde Elefanten. Wir können einige noch sehr kleine Elefantenkinder erkennen, die zwischen den mächtigen Beinen ihrer Mütter und Tanten herumwuseln. Als die Herde uns entdeckt, bricht die helle Panik aus. Captain erklärt uns, dass der Erdwall noch sehr neu sei und die Elis sich noch nicht darauf eingestellt hätten. Aus irgendeinem Grund sehen sie in uns eine Gefahr und versuchen über den Wall zu entkommen. Da Elefanten aber nicht gut klettern können, schieben sie jetzt ihre mächtigen Körper über das Hindernis und zerstören es an einigen Stellen. Die Herde wirbelt dabei viel Staub auf, die Älteren trompeten dazu, das ergibt eine völlig chaotische Szene. Dann hat die ganze Gesellschaft diese neue Hürde überwunden und zurück bleibt ein deformierter Erdwall, der wohl bald wieder neu hergerichtet werden muss. Ich möchte betonen, dass wir jedes Tier respektvoll behandeln wollen, aber, auch wenn dieser Vorfall für die Herde wohl ziemlich stressig war, irgendwie fanden wir die ganze Szene trotzdem lustig.
Captain wendet den Jeep und wir nehmen eine Piste, die direkt in dichten Busch führt. Nach ein paar Minuten Fahrt halten wir an. Tracker James schnuppert und unterhält sich mit Captain, dann verlassen wir den Weg und fahren querfeldein. Ein Stück weiter halten wir erneut. Jetzt können auch wir den strengen Geruch wahrnehmen, außerdem summen plötzlich dicke Schmeißfliegen um unsere Köpfe herum. „Hier sind Büffel“ sagt Captain. Wir fahren weiter und erreichen eine freie Fläche, jetzt ist ein Teil der Herde sichtbar. Die Tiere haben ihre Köpfe gehoben und blicken gespannt in unsere Richtung, dann, wie auf ein geheimes Zeichen hin, rennen sie weiter und halten hinter ein paar Büschen an. Um uns herum bewegen sich plötzlich die Büsche und wir hören das Bersten von Ästen, immer mehr Büffel in allen Altersklassen wandern an uns vorbei. Wir können auch sehr junge Kälber entdecken. Die Herde dürfte mehr als 200 Mitglieder umfassen. Wieder fahren wir ein Stück weiter und schalten den Motor aus. Immer wieder brechen einzelne Tiere aus den Büschen, starren uns an und laufen mit schnellem Schritt weiter. Immer wieder sind wir damit beschäftigt, eine Unzahl von Fliegen zu verscheuchen. Wenn ich meine Kamera auf die Büffel richte und nicht wackeln darf, kommt garantiert eine fette Fliege und will sich auf meine Nase oder den Mund setzen. Ich versuche trotzdem die Kamera ruhig zu halten, während meine Frau die Plagegeister verjagt. Die Herde zieht weiter und wir fahren zurück auf die Piste. Natürlich sehen wir noch andere Tiere, aber eigentlich ist sonst nichts Aufregendes dabei. Die Sonne nähert sich dem Horizont, da erreichen wir eine Wasserstelle. Hier dürfen wir aussteigen, der Klapptisch wird aufgestellt und die üblichen Sundowner-Getränke und ein paar Häppchen werden uns serviert. Der rote Feuerball spiegelt sich noch einmal im Wasser, dann ist er verschwunden. Wir unterhalten uns ein paar Minuten, bevor wir zum Camp zurück fahren.
Am nächsten Morgen versammeln sich die Gäste wieder früh am Lagerfeuer. Captain hatte uns informiert, dass er morgen früh mit einem Spezialauftrag unterwegs wäre und dass wir deshalb im Jeep der anderen Gäste mitfahren würden. Nachdem alle das kleine Frühstück zu sich genommen haben, starten wir. Gestern haben zwei Guides einen Löwen gesichtet, den wollen wir auf unserer Fahrt am Morgen aufspüren. Eine Zeitlang bleiben wir auf der Sandpiste, dann biegen wir ab und rumpeln querfeldein durch das hohe Gras. Wie wollen die Jungs hier einen Löwen finden? Unser Tracker springt immer wieder von seinem Sitz, prüft eine kaum sichtbare Spur, nimmt einen umgeknickten Grashalm in die Hand und unterhält sich mit dem Fahrer auf Setswana. Wir fahren hin und her, ich habe inzwischen jedes Gefühl für eine bestimmte Himmelsrichtung verloren. Unser Tracker hat inzwischen seinen Sitz außerhalb des Fahrzeugs verlassen und ist auf den Beifahrersitz geklettert. Wir fahren immer noch durch das Gras und werden auf den Sitzen hin und her geworfen. Rumms! macht es plötzlich und der Jeep kippt ein Stück auf die Seite. Der Fahrer steigt aus und inspiziert unser Gefährt. Wir sind mit dem Hinterrad in eine Erdferkelhöhle gekracht, hier kommen wir auch mit einem Allradfahrzeug nicht so einfach heraus. Wir steigen alle aus dem Fahrzeug aus und ich betrachte unsere Umgebung. Das Gras um uns herum reicht mir locker bis an die Schulter, wir spüren gerade einen Löwen auf und können an diesem Platz nicht besonders weit sehen, eine prickelnde Situation. Aber natürlich setzen wir auf die Erfahrung unseres Begleitteams, die sind ja täglich im Busch unterwegs und wissen mögliche Risiken sehr gut einzuschätzen. Balli, der Fahrer, löst den großen Wagenheber aus der Halterung und platziert ihn an der „Unfallstelle“, zwei Minuten später ist der Jeep aufgebockt, etwas Holz wird unter den Reifen geschoben, es folgt ein kurzes Anfahren mit viel Gas und dann ist unser Auto wieder fahrbereit. Nachdem alle Mann wieder an Bord sind, verfolgen wir weiter die Spur des Löwen, nur Balli und der Tracker wissen, ob wir richtig sind. Irgendwann erreichen wir einen größeren Busch und halten an. Tatsächlich liegt dort an einer schattigen Stelle ein männlicher Löwe, hat alle Viere von sich gestreckt und schläft. Balli manövriert den Jeep in eine bessere Sichtposition, der Löwe lässt sich überhaupt nicht stören. Erst als der Motor abgestellt wird, schaut er kurz auf, blickt uns mit kleinen, müden Augen an und lässt sofort den Kopf wieder auf die Erde sinken. Wir betrachten noch ein paar Minuten den schlafenden Löwen, der so gar nicht gefährlich aussieht, dann verlassen wir die Stelle und suchen uns einen freien Platz, um eine Teepause zu machen. Das Aufspüren des Löwen war ein weiteres Beispiel für die Fähigkeiten unserer gut ausgebildeten Begleiter. Auf der Rückfahrt zum Camp sehen wir heute nur wenige Tiere. Der Busch ist unberechenbar, an einem Tag sieht man sehr wenig, am nächsten Tag können sich die Ereignisse überschlagen; aber auch das macht einen Teil des „Abenteuers Gamedrive“ aus.
Während unseres Mittagessens erscheint Captain. Er fragt uns, ob wir heute Nachmittag zeitiger losfahren könnten, sie hätten am Morgen Geparde entdeckt und dort wolle er uns hinbringen. Wir zögern natürlich keine Sekunde und sagen zu. Die Siesta am Mittag fällt heute also kürzer aus, dann klettern Ruth und ich auch schon in den Jeep. Captain sitzt am Steuer, James schwingt sich auf den Beifahrersitz. Vorerst muss er keine Spuren finden, denn wir fahren auf der Piste Richtung Norden; die Jungs wissen ja, wo sie zu suchen haben. In schneller Fahrt geht es vorwärts, ab und zu mal ein kurzer Stopp für ein paar Fotos; nach ungefähr eineinhalb Stunden biegen wir ab und fahren querfeldein durch das hohe Gras. Dann werden wir langsamer und vier Augenpaare tasten jeden Meter der Umgebung ab, in der Hoffnung, ja keine Bewegung im dichten Buschwerk zu verpassen oder irgendwo eine Katze im Schatten liegen zu sehen. Wir fahren einen großen Kreis um ein paar Büsche – es gibt nichts zu entdecken. Unsere Begleiter sind sich sicher, die Geparde müssen hier in der Nähe sein. Also steigen sie aus, um die nähere Umgebung zu Fuß abzusuchen. Ruth und ich bleiben alleine im Jeep zurück, haben aber trotzdem keine Angst. Wir waren oft genug im Busch unterwegs und wissen, dass wir in einem Fahrzeug – auch wenn es rundherum offen ist – ziemlich sicher aufgehoben sind. Ein paar Minuten später kommen die zwei mit einem breiten Grinsen im Gesicht wieder. „Wir haben sie gefunden“ sagt Captain. „Sie müssen uns die ganze Zeit beobachtet haben, wie wir unsere Kreise gefahren sind, denn sie liegen unter einem Busch gleich nebenan.“ Wir starten und ich präpariere meine Kamera. Ein letzter Check, beide Apparate sind schussbereit, der Akku liefert auch genug Strom, dann kann es losgehen. Und tatsächlich! Nur ein paar Meter weiter können wir die drei Katzen im Schatten ausmachen. Zwei liegen dicht beisammen, während die dritte sich etwa drei Meter entfernt hingelegt hat. Ich bin überrascht, dass alle drei uns nur mit einem flüchtigen Blick streifen, obwohl wir unser Fahrzeug noch rangieren, um eine bessere Sicht zu bekommen. Dann verstummt der Motor, um uns herum erklingt nur noch Vogelgezwitscher und das Klicken meiner Kamera. Die Tiere blicken in unsere Richtung, schauen gelangweilt überall herum, gähnen ein paar Mal herzhaft, strecken sich, lecken sich gegenseitig das Fell und ich schieße ein Bild nach dem anderen. Eigentlich hat es meine Frau gerade besser, die genießt einfach nur die Nähe dieser tollen Tiere und bewundert deren schlanke, gefleckte Körper. Aber ich kann mit dem Fotografieren nicht aufhören. Die Katze in meiner Nähe reißt das Maul auf, gähnt und zeigt ihr prachtvolles Gebiss, dann dreht sie den Kopf etwas, jetzt kann ich das ganze noch einmal im Profil aufnehmen. Fotografenherz, was willst du mehr! Obwohl… die Lichtverhältnisse könnten etwas günstiger sein, oder ein paar Junge wären auch nicht schlecht, oder sie könnten jetzt anfangen zu jagen… Ich muss mich selbst „schütteln“. Hey, wir haben eine Menge Glück und können die Geparde sehen, bin ich denn nie zufrieden? Im Prinzip bin ich ja zufrieden, aber ich vermute, auch die meisten anderen Fotografen können sich ihre Bilder immer noch besser und ungewöhnlicher vorstellen. Das ist halt die ewige Jagd nach dem perfekten Bild. Die Zeit ist wie im Flug vergangen und wir haben noch einen langen Weg vor uns, also geht es wieder auf die Sandpiste. Allerdings machen wir auf der Rückfahrt noch ein paar kurze Stopps, denn während der „goldenen Stunde“ muss ich einfach noch ein paar Bilder schießen, da führt kein Weg dran vorbei. Pünktlich zum Sonnenuntergang erreichen wir eine Wasserstelle. Wir halten an und können uns die Füße vertreten, bekommen wie immer einen Sundowner angeboten und sind mal wieder restlos zufrieden mit einem aufregenden Tag in der afrikanischen Savanne. Der blutrot eingefärbte Himmel zeigt sich von seiner beeindruckenden Seite, Ruth und ich stehen hier mit Captain und James mitten in der Wildnis, mehr brauche ich nicht um glücklich zu sein!
Beim Camp angekommen gehen wir zur Bar und treffen andere Gäste. Die waren an einem anderen Platz und haben einen Leoparden aufgespürt. Die Katze hat er sich auf einem umgestürzten Baumstamm präsentiert und ist erst wieder verschwunden, nachdem alle ihre Fotos gemacht hatten. Tja, das ist auch nicht schlecht. So hat jeder seine Höhepunkte am heutigen Tag gehabt. Zufrieden nehmen wir unser Abendessen ein, trinken noch den einen oder anderen Rotwein und lassen uns zu unserem Zelt bringen. Es dauert nicht lange und wir sind eingeschlafen.
Am nächsten Morgen ist es etwas kühler als die Tage vorher. Als wir zum Frühstück am Feuerplatz erscheinen, präsentiert sich der Kwando in einer fast überirdischen Stimmung. Über dem Fluss und den angrenzenden Sumpfgebieten liegt ein leichter Nebelschleier, der in ein zartes Rosarot getaucht ist. Von Minute zu Minute wechseln die Farbnuancen in Richtung kräftiges Orange, dann kann man die Spitze der Sonnenscheibe am Horizont erkennen. Ich bin absolut fasziniert von dem Farbenspiel und komme gar nicht dazu, mich mit den anderen zu unterhalten. Dann ist der Tee ausgetrunken, die Cornflakes sind gegessen und es wird Zeit für unseren letzten Gamedrive, denn um die Mittagszeit werden wir das Camp verlassen um in das Herz des Okavango-Deltas zu fliegen. Ruth und ich folgen „unseren“ beiden Jungs zum Fahrzeug. Kaum haben wir das Camp verlassen, sind wir von Nebelschwaden umgeben. Zunächst befürchte ich, dass dieser Tag eher grau wird, aber schon bald ist die Sonne warm genug und der Nebel verschwindet langsam. Wir schrecken eine Gruppe Elefanten auf; mit wildem Prusten und wedelnden Ohren verschwinden sie im Buschwerk. Der Grund für die Aufregung ist schnell klar: Zwei Elefantenbabies kämpfen sich mit der Herde durch das hohe Gras, immer gut abgeschirmt von ihren Müttern und Tanten. Wir fahren weiter auf der Piste und hören immer wieder das Schnauben der Impalas. Wir wundern uns, weil wir keine Böcke sehen, die um ihr Revier kämpfen wollen, stattdessen sind die Antilopen überall verstreut und scheinen sehr beunruhigt zu sein. Captain ist sich sicher, hier stimmt etwas nicht. Dann hebt James die Hand. Wir halten an und er springt von seinem Sitz um sich Spuren auf der Piste genauer anzusehen. Nach kurzer Diskussion wendet sich Captain an uns: „Es sieht so aus als hätten wir Glück. Auf der Piste sind eindeutig Spuren von Wildhunden auszumachen. So nervös wie die Impalas um uns herum sind, müssen sich die Hunde in den Nähe befinden.“
Innerhalb von Zehntelsekunden schießt eine Menge Adrenalin durch meine Adern. Ich bin hellwach. Sollten wir tatsächlich bei unserem letzten Gamedrive noch Wildhunde zu Gesicht bekommen? Nervös inspiziere ich meine Kamera. Ist alles richtig eingestellt? Bin ich bereit für unverhoffte Bilder? Werden sie vielleicht nur den Weg kreuzen und auf Nimmerwiedersehen im Busch verschwinden? James hat die Augen auf die Piste gerichtet, dann hebt er die Hand und deutet nach rechts. Captain reagiert und wir verlassen den Weg und fahren querfeldein. Ich bin immer noch nicht von unserem Glück überzeugt; ich weiß, dass die Tiere sich sehr schnell fort bewegen und dass sie schon längst ein gutes Stück weiter sein können. Wir fahren hin und her, bis wir das Ufer des Kwando erreichen. Auch hier sehen wir vereinzelte Impalas; die Tiere befinden sich ohne Zweifel im Alarmzustand. Noch einmal bewegen wir uns weg vom Ufer und suchen die unmittelbare Umgebung ab, dann grinst James und deutet in eine bestimmte Richtung. Ruth und ich können immer noch nichts erkennen. Captain fährt langsam auf ein paar Büsche zu, dann haben wir die Meute endlich auch entdeckt. Die Tiere liegen flach unter den Büschen und dösen. Wir können 18 Rudelmitglieder zählen. Wildhunde haben eine ähnliche Fellzeichnung wie Hyänen, deshalb werden sie auch manchmal Hyänenhunde genannt. Überglücklich schieße ich meine ersten Fotos, dann lege ich die Kamera weg und lasse die Situation einfach nur auf mich wirken. Wer hätte das gedacht? Ich habe dieses Camp ausgesucht, weil hier die Chance für eine Sichtung der Wildhunde groß ist, und tatsächlich haben wir sie am letzten Tag auf dem letzten Gamedrive auch gefunden. Wieder einmal scheint es sich auszuzahlen, dass Ruth und ich beide an einem Sonntag geboren sind, und jetzt „beglücken“ uns die Wildhunde auch noch an einem Sonntagvormittag! James beobachtet mich und hat natürlich gemerkt, dass ich nicht mehr fotografiere. Also dreht er sich in Richtung der Wildhunde und ahmt deren Laute nach. Wir können sehen wie einige ihre Ohren aufstellen, sogar aufstehen und in unsere Richtung laufen. Sie sind verwirrt, denn James hat ihnen in der Sprache der Wildhunde mitgeteilt, dass es Zeit für die Jagd ist, aber sie können nicht sehen, wer sie gerufen hat. Ich freue mich natürlich über Wildhunde, die sich bewegen und knipse und knipse. Manchmal wechseln sie ihren Liegeplatz, dann begrüßen sie im Vorbeigehen ihre Artgenossen. Irgendwann haben sie aber mitbekommen, dass James gar kein echter Wildhund ist und reagieren nicht mehr auf seine Rufe. Alle 18 bleiben regungslos unter den Büschen liegen und ignorieren uns. Captain startet den Motor und wir fahren zum Ufer des Kwando. Hier steigen wir aus, der Klapptisch wird gedeckt und wir haben ein kleines Frühstück mit Tee und Gebäck. Während wir uns mit den Jungs unterhalten, nähert sich vorsichtig ein Hippo dem Ufer und schaut uns neugierig zu. Bald darauf kommen noch zwei Flusspferde und wollen sehen, was sich da am Ufer tut. Es ist schon witzig, wir beobachten neugierig die Hippos im Wasser und die Hippos beobachten uns gleichzeitig ebenfalls mit großem Interesse. Was mögen die Tiere gerade denken? Warum kommen sie so dicht ans Ufer und schauen uns bei der Teepause zu? Sind sie wirklich dankbar für eine Abwechslung? Captain geht ein Stück rückwärts, dreht sich zu den Hippos, senkt den Kopf wie ein angreifender Stier, rennt plötzlich auf die Flusspferde zu und stoppt erst kurz vor dem Wasser. Die Tiere geraten in Panik, werfen ihre schweren Körper herum um zu flüchten und protestieren mit ärgerlichem Grunzen. Ruth und ich müssen laut lachen, das war eine wirklich komische Szene! Jetzt sind die Hippos beleidigt und gesellen sich wieder zum Rest der Gruppe, die sich in der Mitte des Kwando versammelt hat.
Wir packen unsere Frühstücksutensilien in den Wagen und besuchen noch einmal die Wildhunde. Sie liegen immer noch träge im Schatten und lassen sich durch unsere Nähe überhaupt nicht stören. Wir sehen ihnen ein paar Minuten zu, dann ist es Zeit, wieder zurück zu fahren. Glücklich und zufrieden rumpeln wir über die Sandpisten, grüßen hier einen Elefanten, winken dort einer Gruppe Zebras zu und erreichen gegen 10:30 Uhr das Camp. Wir packen alles zusammen, nehmen noch eine Dusche bei angenehmen Temperaturen und erscheinen wieder im Hauptzelt. Jetzt bekommen wir unser Mittagessen serviert. Dann ist es Zeit zu gehen. Die ganze Crew hat sich versammelt um „Lebewohl“ zu sagen. Wir fahren mit James und Captain zur Landepiste. Wie wir es gewohnt sind, holt uns ein Buschflugzeug auf die Minute pünktlich ab und bringt uns nach einer Zwischenlandung beim wohlbekannten Kwara Camp zum Landestreifen der nächsten Lodge mitten im Okavango-Delta.
Dieser
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- auch auszugsweise - ist nur mit schriftlicher Genehmigung von Albatros Urlaub
gestattet.
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 Blick auf den Kwando-Fluss
 Unser Camp am Ufer
 Luxusbett im Luxuszelt

Beobachtungsboot
 Auf dem Kwando
 Aufmerksame Beobachter

Abendrot im Camp

Giraffe am Termitenbau

Kudu mit Riesenohren

Hornrabe bei der Mahlzeit
 Scheue Büffel

Sondowner im Busch

Müder Löwe

Baobab (Affenbrotbaum)

Geparden-Portrait 1

Geparden-Portrait 2

Ich bin der Chef !

Wildhunde 1

Wildhunde 2

Teepause
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